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Emotionen - die Würze und das Gift der Lebenskarriere

Von Edmond Tondeur

Emotionen stimulieren und blockieren, wirken als Ressource — und verleiten zum Debakel. Wann sie mehr das eine (O Wunder!) oder das andere (O Schreck!) bewirken, kann, individuell, vom Lebensalter und von der Lebens-Reife abhängen. Kollektiv betrachtet ist es auch eine Frage der obwaltenden Sozialisation und Kultur. ‚Im Norden’ gelten dafür andere Sitten und Bräuche als ‚Im Süden’. Nahe am Meer wird anders "gefühlt" als oben in den Bergen. Dies alles ist tausendfach beschrieben und allgemein bekannt.

Wenn Menschen versuchen, miteinander über (ihre) Emotionen zu reden, stossen sie bald einmal auf das Dilemma zwischen Beredsamkeit und Sprachlosigkeit. Die Erfahrung, dass Gefühle schwer ansprechbar und aussprechbar sind, beruht — jenseits aller Kulturunterschiede — auf dem beschränkten Ausdrucks-Repertoire der Sprache selbst. Die Musik hat, vergleichsweise, ein viel grösseres Potenzial in der Beschwörung und Vermittlung emotionaler Zustände. In der Sprache vermag allenfalls die Lyrik ähnliches, ansonsten verkommt emotionale Rhetorik ganz schnell zu Schwulst und Kitsch.

Von Mascha Kaléko kennen wir dieses Gedicht:

Mein schönstes Gedicht.

Ich schrieb es nicht.

Aus tiefsten Tiefen stieg es.

Ich schwieg es.

Und bei Ludwig Wittgenstein heisst es:

" … was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen." Wovon also können wir (nicht) reden, wenn Emotionen im Spiel sind? Wann verschlägt es uns die Sprache, und wann fliesst der Mund über von dem, wessen das Herz voll ist? Es liegt nahe, im ersten Fall an "Unheil" und "Unglück" zu denken, während einem im anderen Fall Zustände von Glück und "Heiler Welt" in den Sinn kommen.

Es gibt anscheinend emotionale Qualitäten, die sich gerne und leicht mitteilen (ja mitteilen müssen), während die anderen Qualitäten uns eher verstummen lassen, uns auf uns zurück werfen, die Kommunikation blockieren. Immerhin: die Menschen aller Zeiten haben nicht nur Freuden-Rituale ("Feste") erfunden, sondern auch Trauer- und Abschieds-Rituale. Wann immer Emotionen stark und überwältigend sind, möchten wir uns mit anderen verbinden, uns mit getragen wissen von "Gemeinschaft".

Mich reizt nun der Versuch, den verschiedenen "emotionalen Qualitäten" im Fortgang der Lebens-Karriere nachzuspüren. Mit "Karriere" meine ich nicht den äusseren (und vorab materiellen) Erfolgskurs, den ein bestimmter Lebenslauf anpeilt, vielmehr den Entwicklungsprozess der Person und ihres Lebens-Bewusstseins. Ich werde also fragen, welchen Platz in diesem Prozess Emotionen einnehmen, und inwieweit sie sich darin "positiv" oder "negativ" auswirken. Mein biographisches Gedächtnis dient mir dafür als Raster.

Meine Kindheit ereignete sich in einem familiären Umfeld, in dem emotionale Enthaltsamkeit massgebend war. Weder Wutausbrüche noch (am anderen Pol) Freudentaumel waren zulässig. Übertreibungen jeder Art galten als stilwidrig ("man weiss was sich gehört"). Im Tiefsten gab wohl die Angst vor Kontroll-Verlust den Ausschlag für eine Kultur des leisen, unauffälligen und gefügigen Umgangs miteinander. Leidenschaft war einzig der Musik vorbehalten, die von Vater (Violine) und Mutter (Klavier) stets am Sonntag intensiv gespielt wurde.

Ich sehe noch, wie mein Vater — sonst ein eher schlaffer und verhaltener Mann — mit der Geige unter dem Kinn ganz beschwingt seine Töne fand, oft mit einem Schalk in den Augen, den er sonst nie zeigte. Lebenslust als Ausnahmezustand, dem ich frommen Mutes beiwohnen durfte beim Umblättern der Notenblätter am Klavier der Maman. Ein emotionaler Wegweiser war damit für mein Leben gesetzt: "Handle so, dass du gegenüber anderen stets die "contenance" bewahrst. Setz dich nicht mit deinen Gefühlen in Szene, es sei denn im Dienste eines höheren Wertes, zum Beispiel in der Musik, oder auch im Gottesdienst in der Kirche."

Damit war eine Vorgabe verknüpft, deren Tragweite mir erst viel später (in meinen vierziger Jahren) bewusst wurde: "Deine Gefühle gehören nicht dir, sie sind dir anvertraut für einen höheren Bezug, jenseits von Ego und Selbstüberschätzung. Gefühle vergiften dein Leben, wenn du sie nicht diesem "Grösseren Ganzen" weihst. Daraus erwuchs wiederum eine "Lebensstrategie", die ich hier mit ein paar Sätzen umschreiben kann:

Satz 1: Es gibt gute und schlechte Emotionen.

Satz 2: Die guten Emotionen verbinden dich mit anderen Menschen; die schlechten trennen dich, vergiften deine Beziehungen, machen dich zum Gefangenen deiner Ängste, deiner Wut, deines Lebensschmerzes.

Satz 3: Um im Leben voran zu kommen, hält man sich am besten emotional bedeckt. Lass die anderen nicht teilhaben an dem, was dich berührt und bewegt. Gib dir keine Blösse, bleib lieber ein Buch mit sieben Siegeln, dies schützt dich vor dem Zugriff anderer Menschen.

Eine Zeit lang liess es sich ‚ganz gut’ leben auf der Basis dieser Maximen. Fast die ganze Lebensenergie floss in die intellektuelle Ausformung meines Weltverständnisses, hauptsächlich in der Sozial- und Verhaltensforschung. Gefühle wurden zum Gegenstand der Neugier und theoretischen Einordnung. Auch dies führte zuweilen in Zustände von emotionaler Erregung — etwa beim Ausspruch: "Es gibt nichts Praktischeres als eine gute Theorie". Was immer sich verstandesmässig erfassen und begründen liess (und somit evident wurde!), gab in meinem Leben, vorab im Berufsleben, den Ton an.

Bis ich es nicht mehr aushielt in meiner Übersättigung mit Gedanken über Gedanken über Gedanken … und meiner Unterernährung im emotionalen Austausch mit anderen und mit mir selbst. In jener Zeit (zwischen 42 und 49 Jahren) begann sich mein ganzes Gewahrsein der Welt ("meiner Welt") zu drehen. Erstmals musste ich mich, wegen eines Rückenleidens, operieren lassen und danach eine körperliche Schon-Zeit einhalten (aushalten!). Erstmals wagte ich mich an eine biografische Selbsterkundung, an einen vertieften Einblick in meine Art, mit dem Leben umzugehen.

Dies war auch die Zeit, Gefühle in mir nicht nur zu beschreiben und fachkundig zu benennen, sondern ihnen Raum und Ausdruck zu geben ohne Vorbehalte und Absicherung, ohne den Anspruch zu wissen, bevor ich erlebte und was ich erlebte — sozusagen ohne Rücksicht auf Verluste. Da kam viel Lust und Schalk in meine Existenz, viel Tanz und Eros, und manche Verrücktheit, die mir andere bislang nicht zugetraut hätten und am wenigsten ich selbst. Die Würze des am-Leben-Seins versetzte mich in eine Grundstimmung, die von Milan Kundera als "Unerträgliche Leichtigkeit des Seins" in die Literatur einging.

Unerträglich leicht, inwiefern? Da war noch immer der Anspruch, die neu erlebten Dimensionen des Seins einzuordnen und zu verstehen, sie mir gefügig zu machen. Doch genau dies wollte nicht gelingen. Es liess sich nicht ordnen, was dem "Chaos" entspringt und zugehört. Das "Chaos" ordnet sich selbst und nicht von Menschen Gnaden. Da mag noch so eloquent von "Emotionaler Kompetenz" die Rede sein — etwa in der neuerdings modischen Formel "IQ + EQ = Führungskompetenz — wer sich seinen Gefühlen öffnet, stellt sich dem Risiko, nicht mehr "kompetent" zu wirken, aber menschlich. Das Wort dafür heisst Hingabe, nicht "Kompetenz" Ich musste also lernen, mich meinen Gefühlen vorbehaltlos hinzugeben, in der Haltung des Anfängers, dem "Ansinnen des Lebens" ungeschützt begegnend. Erst dann war ich im Bild, um was es ging. Erst dann konnte ich mich an den Platz des wahrnehmenden Beobachters hin bewegen und der emotionalen Wirklichkeit in mir gestaltend und kreativ gegenüber treten.

Am Beispiel von vier "emotionalen Sturmzentren" möchte ich verfolgen, wie sich aus dem hingebenden Zulassen von Gefühlsregungen unterschiedliche Frequenzen durchleben lassen, wobei sich das jeweilige Gefühl selbst wandelt und "erlöst". Ich nehme als erstes Beispiel die Frequenzbreite von Freude bis Begeisterung. Begeisterung ist, in dieser Sichtweise, die Höchstfrequenz von Freude, ein energetischer Ausnahmezustand von kurzer Dauer, während die feinere Schwingung der Freude durchaus über längere Zeit tragend sein kann.

Mein zweites Beispiel ist die Frequenzbreite zwischen Sorge und Angst. Es scheint mir, dass hier die Dynamik umgekehrt verläuft: nicht zugelassene Angst lagert sich energetisch aus ("metastasiert") in Sorge, in Zustände von nagender Ungemütlichkeit, die sich aus jedem "Alltagsproblem" herleiten und den "Leidtragenden" verstimmen. Sorgen sind ein typisches Beispiel dafür, wie sich ungelebte und uneingestandene Angst mit Alltagsthemen verbindet und diese "vergiftet". Das Gift nistet sich ein mit negativen Gedanken, die endlos im Kopf kreisen, weil ihre Widerlegung stets weitere Gedanken erzeugt. Wir sind dann, scheinbar ausweglos, "ängstlich gestimmt".

Einen ähnlichen Zusammenhang vermute ich im Verhältnis von Ärger und Wut.

Nicht gelebte Wut ist ein Energiepotenzial, das sich bei jeder — passenden und unpassenden — Gelegenheit in Ärger manifestiert. Daraus liesse sich folgern, dass Menschen, die ab und wann ihre "grosse Wut" ausleben, nicht zu den chronisch Verärgerten und Griesgrämigen gehören.

Mein letztes Beispiel betrifft die Spannweite von Trauer und Mitgefühl. Das Leben mutet uns (allen) Erfahrungen der Trauer, der jähen Betroffenheit zum Beispiel in der Verbindung mit anderen Menschen, zu. In der Trauer zu verharren, blockiert die Lebensenergie. Trauer kann jedoch zur Quelle werden für ein menschlich reifendes Mitgefühl gegenüber allem "Leiden dieser Welt". Mitgefühl ist die feinere Frequenz, die uns emotional nährt, aber nicht auf Trauer festlegt.

Hieraus gewinnen wir auch eine neue Sicht auf das Sterben, das unausweichlich mit dem Leben verbunden ist.

Emotionales Bewegt-Sein energetisch zu verstehen — und dabei vielfältige Frequenzen zu unterscheiden — hat mir geholfen, mit den eigenen und den Gefühlen anderer akzeptierender und kreativer umzugehen. Es war nicht mehr nötig, Gefühle entweder gutzuheissen oder wegzusperren; Romantik gegen Aufklärung auszuspielen, Natur gegen Technik, Yang gegen Yin. Es ging jetzt um sowohl als auch: Wut, Angst, Schmerz, Begeisterung, Trauer … sie waren zugelassen wo und wann auch immer; sie wurden zu Verbündeten meiner Lebendigkeit, zur Würze. Stanley Keleman, der inspirierte Bioenergetiker und Künstler, spricht vom Universum als vom "unaufhörlich schwingenden Erregungsfeld", in dem wir unser eigenes Zittern, Pulsieren und Strömen erfahren.

Einbezogen und "gewürdigt" in einem sich weitenden Daseins-Verständnis begann sich meine emotionale Energie auszurichten am Mass und an der Ordnung der Dinge. Beobachtend, im "heiteren Gleichmut der Quelle", lernte ich abschiedlich zu leben — und immer wieder an der Geburt von etwas Neuem teilzuhaben.

Heute, im Durchgang meines 77. Lebensjahres, erfahre ich mein Hiersein als eine Komposition aus Dingen, die "mir zustossen", und solchen, die ich selbst anstrebe, gestalte, im Rahmen meiner (physischen) Kräfte verwirkliche. Ein gutes Stück weit fühle ich mich frei und zuständig für meinen Lebenswandel. Ebenso stark bewusst ist mir jedoch, dass ich von Kräften und Prozessen geleitet werde, die ich niemals ganz erfassen, geschweige denn von mir aus steuern kann. Die Gewissheit, Geschöpf und Schöpfer in einem zu sein, prägt meine Lebensstimmung je länger desto mehr. Sie hat mich, glaube ich, vor Exzessen in die eine oder andere Richtung bewahrt: nie war ich ganz-und-gar Fatalist oder Autokrat, Kopfmensch oder Gefühlsmensch ("Bauchmensch"), zunehmend fasziniert mich die Mischung, die Alchemie aus Emotionalem und Rationalem, aus Stoff und Geist.

Hier ist, wie ich vermute, die Naht zwischen Emotionalität und Spiritualität erkennbar. Die Öffnung zur emotionalen Erfahrung (und allenfalls Erschütterung) bedeutet ja eben nicht, egozentrisch in den eigenen Gefühlen stecken zu bleiben, sondern diese wieder loszulassen. (So wie kleine Kinder das mit Selbstverständlichkeit tun!) Nach dem Gewitter zeigt sich der weite Himmel am klarsten; an ihm können wir uns ausrichten und aufrichten. Daran erkennen wir unsere Verbindung mit dem Grösseren Ganzen, von dem wir herkommen und auf das wir uns hin bewegen. In besonders geschenkten Momenten mag es dann zur "Begegnung mit dem Wunderbaren" kommen, die der Psychotherapeut Peter Schellenbaum in fünf Punkten charakterisiert: Der Erste betrifft die Ergriffenheit in einem unmittelbaren Erleben. Der Zweite: das Wunderbare bricht unerwartet, plötzlich in unser Leben ein. Der Dritte: das Staunen darüber, dass wir zu diesem ‚Einbruch’ nichts Wesentliches beigetragen haben. Der Vierte: das Wunderbare sprengt Grenzen des bisherigen Erlebens, Denkens, Fühlens, Handelns. Der Fünfte: das Erleben eines geheimnisvollen Winks, der unserem Leben eine neue Richtung weist. (Peter Schellenbaum, Im Einverständnis mit dem Wunderbaren, dtv 2003)